Star Trek 11 Film Kritik
Posted on 17. Sep, 2009 by Ganzer in Star Trek Fans
“Star Trek” war in meinen Augen eine scheintote Franchise, erstickt an der eigenen Nostalgie, vollgestopft mit Figuren, die vor lauter Heiligkeit kein Leben mehr in sich tragen, und einer Mythologie, die jeden Versuch eines Neuanfangs zum Scheitern verurteilt. Ein Museum respektierter Ideen, ein Schrein, aber längst keine Quelle von Kick Ass Entertainment mehr. Zuviele Produzenten und vor allem zu viele Darsteller, die neben ihren Gehaltsschecks auch noch Mitspracherecht verlangen, weil sie natürlich alle am Besten wissen, was zu tun ist. Mühsam als Geldkuh am Leben gehalten, schwerfällig den aktuellen Trends nachhumpelnd. Ideologisch und dramaturgisch irgendwann in den frühen 90ern stehen geblieben, ohne dass die Produzenten es bemerkt hätten. Eine Legende im Wachkoma.
Paramount hatte nach dem Flop von “Star Trek: Nemesis” und “Star Trek: Enterprise” die Wahl: Stecker ziehen – oder sich einen neuen Arzt suchen. Dr. JJ Abrams (”Alias”, “Mission Impossible 3″) sollte es also richten. “Star Trek 11″ (ich nenne den jetzt einfach mal so) ist das Ergebnis des radikalen neuen Therapieansatzes.
Wow. Einfach mal wow.
Der neue Star Trek-Film ist weit besser, als ich erwartet hatte, und weit besser, als er eigentlich sein dürfte. Er bietet großes Blockbuster-Entertainment für die breite Masse – und schafft es ganz nebenbei mit spielerischer Leichtigkeit, das Trek-Universum umzukrempeln, abzustauben, und auf blitzsauber polierte neue Füße zu stellen. Es ist keine Fortsetzung, eher der Pilotfilm einer ganz neuen Interpretation der Franchise. Konsequenterweise ist der Plot deshalb genauso zweitrangig wie der Bösewicht (Eric Bana als weiterer außerirdischer Grumpftie, der irgendwie alles kaputtmachen will) – es geht dem Film primär darum, die Figuren neu einzuführen, ihren Beziehungen zueinander zu setzen, und das mit einem größtmöglichen Maß an Pow! Woooosh! und Krazong!
Schon der Opener mit Kirks Vater ist ein Knaller, und sicher eine der packendstens Szenen, die das Franchise je zustande gebracht hat – dabei spielt keine unserer bekannten Figuren mit!
Die Etablierung einer neuen Zeitlinie erlaubt Abrams, vom Start der Mythologie an alles noch einmal neu zu überdenken, und gegebenenfalls umzudeuten. Ein genialer Kniff, der ihn vor allen Trekkern bewahrt, die bei den kleinsten Inkonsistenzen sonst immer gleich “Kanon! Kanon!” schreien. Die Zähler stehen wieder auf Null, und wie nun weitergeht, kann man eben nicht in den alten “Star Trek Encyclopedias” nachschlagen. Es ist sicher kein Zufall, dass im gesamten Film nicht einmal ein Klingone auftaucht – die wird Abrams vermutlich im Sequel überarbeiten.
Die Darsteller sind so gut, wie es ein solches Konzept zulässt – will sagen: verdammt gut. Sie versuchen nicht, den alten Cast nachzuäffen, sondern interpretieren ihre Figuren neu (mit der Ausnahme von Zachary Quinto, der einen zwingenden Grund hat, wie Leonard Nimoy zu spielen). Die leise Autorität von Bruce Greenwood als Captain Pike trägt den Film, bis Kirk zum ersten Mal das Kommando übernimmt. Das Stunt-Casting der 38jährigen Winona Ryder als Mutter des 31jährigen Zachary Quinto hätte man sich allerdings schenken können.
Das Skript ist hart an der Perfektion: die Figuren werden so elegant und zügig eingeführt, dass es eine Freude ist. Jeder hat seinen glorreichen Moment, und die Dialoge wirken frisch und natürlich. Selbst sonst chronisch unterbeschäftigte Figuren wie Uhura gewinnen Profil. Wenn man das allein mit den pudrig-peinlichen Versuchen der TNG-Filme vergleicht, jedem Crew-Mitglied irgendwas zu tun zu geben…
Vor allem funktioniert die neue Besetzung als Team. Die Chemie zwischen den Darstellern ist unbestreitbar, und wird von Abrams perfekt umgesetzt. Ganz abgesehen von der massiven Action macht es einfach Spass, den Charakteren bei ihren Abenteuern zuzusehen. Es wird teilweise extrem lustig, ohne dass sich der Film auch nur einmal im Ton vergreift.
Technisch schleift “Star Trek 11″ die Franchise ebenfalls ins neue Jahrtausend: Die Kamera schaut nun nicht mehr statisch von außen zu, sondern geht knallhart in die Action hinein. Schnelle Schwenks, viele Nahaufnahmen, hektische Kamerafahrten – mittendrin statt nur dabei. Dazu Lichtblitze, Lensflares, Punktstrahler: dieses Universum lebt, atmet, hat Tiefe. Keine Spur mehr von der operettenhaften Künstlichkeit, der teppichweichen Stille, der steril-steifen Inszeniertheit früherer Trek-Inkarnationen. Genau wie die Bond-Filme hat Star Trek endlich verstanden, dass man sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen darf, dass man sich immer wieder zur Speerspitze der aktuellen Kino-Standards machen muss, um mehr zu sein als nostalgisches Entertainment für Fans.
Ich wäre nicht der Wortvogel, wenn ich nicht auch was zu meckern fände: eine Sequenz im Mittelteil, in der Kirk sich auf einem unwirtlichen Planeten wiederfindet, strotzt nur so vor bequemen Story-Zufällen, die die Handlung am Laufen halten müssen. Hier haben die Autoren es sich arg einfach gemacht.
Und man muss auch die Frage stellen dürfen: wieviel Star Trek steckt eigentlich in “Star Trek 11″? Das hier ist ein Kriegs/Action/SF-Film. Star Trek war aber immer Abenteuer, Erforschung, fremde Welten, fremde Wesen. Es wird wohl die Fortsetzung brauchen, um mich zu überzeugen, dass Abrams neben den Figuren auch die Seele von Star Trek verstanden hat.
Letztlich aber alles wurscht: “Star Trek 11″ rockt die Hütte, und wer sich den nicht anschaut, ist selber schuld. Mehr als ein guter Star Trek-Film – ein guter Film.
Zur unvermeidlichen Einordnung: Bester Trek-Film bleibt “Der Zorn des Khan”. Vielleicht nur, weil ich ein alter Sack bin, der seine Meinung nicht mehr ändern mag. Aber “Star Trek 11″ kommt gleich danach, und balgt sich mit den Teilen 4 und 6 um die Silbermedaille.
Ja, leck mich am Arsch: “Star Trek 11″ hat mich zynischen Bastard wieder einen echten Trekker gemacht.
Der deutschsprachige Trailer sollte Grund genug sein, sich den Film im Original anzusehen – ohne Scottys und Checkov Akzente ist das alles nur halb so schön:
Quelle: Torsten Dewi


